Schlaflexikon

Schlafparalyse

Schlafparalyse

Plötzlich vom Kopf bis zu den Zehen bewegungsunfähig – so äußert sich dieses Phänomen, das auch Schlaflähmung genannt wird und oft mit vermeintlichen Halluzinationen auftritt. Doch was ist eine Schlafparalyse genau, woher kommt sie und was lässt sich dagegen tun? Erklären wir dir alles hier.

Die Schlafparalyse kann als sehr furchteinflößend wahrgenommen werden
Die Schlafparalyse kann als sehr furchteinflößend wahrgenommen werden. Bild: Unsplash

Ein Albtraum wird Wirklichkeit: Du liegst wach in deinem Bett und kannst nicht einmal den kleinen Finger rühren, keinen Ton sagen. Wenn es noch schlimmer kommt, bedroht dich ein schreckliches Wesen und drückt dir so schwer auf die Brust, dass du kaum atmen kannst. Wer in diesem Moment keine Ahnung hat, was da vor sich geht, glaubt sich zwangsläufig seinem Ende nahe.

Schlaflähmung weckt Urängste

Kein Wunder, dass dieser scheinbar bedrohliche Zustand von jeher die Phantasie anregte. In früheren Jahrhunderten glaubte man, dass der Dämon Incubus oder ein anderer Unhold dem im Bett Liegenden nach dem Leben trachtet. „Besuch von dem Bösen“ lautet heute noch in manchen nicht-industrialisierten Gegenden eine gängige Erklärung. In Deutschland prägte sich der Begriff vom „Hexendrücken“. Damit war aus damaliger Sicht sowohl die Ursache genannt als auch das beklemmende Brustgefühl beschrieben.

Diese mystischen Verklärungen der Schlaflähmung gab es zu allen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen, weil der Zustand der absoluten Hilflosigkeit an Urängste der Menschen rührt. „Ich sage immer, das ist so Edgar-Allan-Poe-mäßig“, weist Geert Mayer, Leiter des Schlafzentrums der Hephata-­Klinik in Schwalmstadt-Treysa, auf den Meistererzähler der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts hin. Die Furcht, lebendig begraben zu werden, war während der Pestepidemien durchaus verständlich. Poe griff sie für seine Gruselgeschichten auf.

Auch wenn wir heute nicht mehr an Dämonen und Hexen glauben: Eine Schlafparalyse verschreckt uns. „Menschen, die das noch nie hatten, erleben Panik, haben Angst, dass sie da nicht mehr rauskommen“, so Geert Mayer, „weil man ja weder reden noch sich bewegen kann. Es ist wirklich, wie lebendig begraben sein.“

Heute jedoch haben wir immerhin einen Vorteil gegenüber unseren Ahnen: Die moderne Wissenschaft weiß, was bei einer Schlaflähmung passiert und dass sie harmlos ist. Die Frage „was ist eine Schlafparalyse“ ist also geklärt. Warum es dazu kommt, bleibt allerdings ein Rätsel.

Was ist eine Schlafparalyse aus medizinischer Sicht?

Salopp gesagt geraten bei einer Schlaflähmung unsere Schlafphasen etwas durcheinander. „Im Traumschlaf ist unsere Muskulatur schlaff“, erläutert Geert Mayer, „sonst würden wir ja alle Träume ausagieren“. Das hieße: Wer träumt, dass er springt, hüpft in Wirklichkeit aus dem Bett. Wer im Traum kämpft, schlägt ganz wahrhaftig um sich und kann sich selbst sowie den Bettpartner verletzen.

Bei der REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist das tatsächlich so. Gesunde Menschen hingegen bewegen sich aus den genannten Gründen während des Traumschlafs (auch REM-Phase für Rapid Eye Movement) so gut wie überhaupt nicht. Tritt eine Schlaflähmung auf, geschieht Folgendes: Du wachst auf, aber dein Körper befindet sich in dem unbeweglichen Traumzustand.

Hier erfährst du mehr über die verschiedenen Schlafphasen.

Das passiert entweder, wenn du bereits in der Einschlafphase Traumschlaf hast, oder häufiger, wenn dein Traumschlaf zu Ende geht und du allmählich wach wirst. Das Bewusstsein ist dann schon da, der Körper mit seinen Funktionen hinkt quasi hinterher.

Hier kann es dann auch zu Halluzinationen kommen. „Wobei dies keine echten Halluzinationen sind“, wie Geert Mayer sagt und meint damit: keine Halluzinationen im Sinne der psychiatrischen Definition. Bei Schlafparalyse können die Patienten erkennen, dass es sich um Trugwahrnehmungen handelt, bei einer Psychose nicht. In Wirklichkeit steckt bei einer Schlaflähmung etwas anderes dahinter: „Es sind Traumerlebnisse, die sich mit dem Wachzustand überlappen.“

Was lässt sich gegen eine Schlafparalyse tun?

Wenn sie bereits da ist, kann man akut gar nichts tun. Da heißt es einfach nur abwarten, bis sich dieser Zustand von selbst wieder löst. Das geschieht in der Regel innerhalb von 30 Sekunden bis fünf Minuten. Sorge bereitet den meisten, die erstmals eine Schlafparalyse erleben, dass sie ersticken könnten oder der Herzschlag aussetzt. Beides ist nicht der Fall. Wer weiß, dass nichts Schlimmes passieren kann, begegnet der Situation entspannter. Eventuelle (Schein-)Halluzinationen fallen dann weniger drastisch aus.

Ein aufmerksamer Bettpartner kann die Schlaflähmung beenden: durch leichtes Berühren oder auch Ansprechen. Das setzt allerdings voraus, dass er auch wach ist. Im Schlaf wird er kaum bemerken, dass die andere Person im Bett sich mucksmäuschenstill verhält.

Bei wiederkehrenden Schlafparalysen ist ein Arztbesuch anzuraten – besonders wenn man sich in Erwartung dieser Störung bereits fürchtet, abends zu Bett zu gehen. Eine professionelle Aufklärung darüber, was da genau passiert, kann bereits viel helfen. Dazu empfiehlt es sich, eventuelle Ursachen und begünstigende Faktoren zu vermeiden (lies dazu Schlafparalyse-Ursachen). Bei schweren Fällen können auch leichte Antidepressiva und Psychotherapie zum Einsatz kommen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass du eine Schlafparalyse erlebst, ist allerdings recht niedrig. Nur rund acht Prozent aller Menschen sind davon betroffen, die meisten unter ihnen nur ein einziges Mal.

Prof. Dr. med. Geert Mayer ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie mit der Zusatzbezeichnung Schlafmedizin. Er leitet das Schlafzentrum der Hephata-Klinik in Schwalmstadt-Treysa.

Quelle: „Sleep Paralysis, a Medical Condition with a Diverse Cultural Interpretation“ in NCBI, US National Library of Medicine: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6082011/

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