Schlaflexikon

Schlafwandeln

Schlafwandeln

Die Hirnforschung hat interessante Dinge über das Schlafwandeln herausgefunden. Welche? Wir haben mit dem Neurologen Wolf-Oliver Krohn über das nächtliche Wandern gesprochen.

Woher kommt das Schlafwandeln eigentlich, das Betroffene mitunter sehr verunsichern kann? Bild: Pexels

Schlafstörung

„Schlafwandeln gehört zu den sogenannten Parasomnien – das sind Schlafstörungen“, erklärt Neurologe Wolf-Oliver Krohn das nächtliche Treiben mancher Menschen. Die Betroffenen wachen dabei nur halb auf, sind für längere Zeit verwirrt und tun auf ihrer Wanderschaft durch die Wohnung mit geöffneten Augen unkontrollierte Dinge, an die sie sich am nächsten Morgen nicht mehr erinnern (lies auch Schlafwandeln: Ursachen und Behandlung bei Erwachsenen).

Das steckt hinter dem Schlafwandeln

Ist Schlafwandeln quasi eine Art „gelebter Traum“? „Nein“, macht der Neurologe Wolf-Oliver Krohn deutlich. Schlafwandeln passiert in der Tiefschlafphase oder allenfalls im Übergang vom Tiefschlaf zum Aufwachen.

In der sogenannten REM-Phase, in der du eigentlich träumst, bewegen sich deine Augen schnell, während fast alle anderen Muskeln wie gelähmt sind. Dadurch verhindert der Körper, dass du deine Traumbewegungen in die Wirklichkeit umsetzt. In der Tiefschlafphase dagegen sind deine Muskeln nicht gelähmt. Deshalb können Schlafende auch aufstehen und schlafwandeln.

„Über die eigentliche Ursache des Schlafwandelns ist dennoch wenig bekannt“, gibt Wolf-Oliver Krohn zu. Was in deinem Körper passiert, während du nachts auf Wanderschaft gehst, ist jedoch bereits gut erforscht:

Das passiert beim Schlafwandeln in deinem Körper

Forscher entdeckten bei den Hirnströmen von Schlafwandlern im normalen Tiefschlaf sogenannte Deltawellen. Das sind gleichmäßige, langsame Frequenzen. Bei Schlafwandlern werden diese Deltawellen unruhig und es mischen sich schnelle Frequenzen dazwischen. Das heißt: Bei Schlafwandlern geraten die Gehirnströme aus dem Takt. 

Auch interessant: Im Tiefschlaf gibt es normalerweise einige Regionen im Inneren des Gehirns, die nicht benötigt werden und deshalb wenig aktiv sind. Dazu gehört auch der Thalamus, der bei der Verarbeitung von äußeren Reizen eine wichtige Rolle spielt. Bei Schlafwandlern ist der aber doch aktiv.

Los geht’s mit dem Schlafwandeln, wenn der Betroffene beispielsweise ein lautes Geräusch wahrnimmt oder eine Lichtquelle bemerkt – und dabei allerdings nur halb aus dem Tiefschlaf erwacht. Dann werden Schaltkreise seines Gehirns aktiviert, die bestimmte Bewegungsabläufe steuern. Da aber das Großhirn, also das Zentrum des Bewusstseins, weiterhin ruht, führen die Schlafwandler ihre Handlungen unbewusst, unkontrolliert und automatisiert aus. Sie spüren dabei keine Reize, wie Schmerz oder Kälte und erkennen trotz geöffneter Augen keine Menschen um sie herum.

Was bedeutet das? Schlafwandeln ist ein Phänomen an der Grenze zwischen Tiefschlaf und Wachbewusstsein. Man kann es auch als eine Art „unvollständiges Aufwachen“ interpretieren.

Was machen Schlafwandler?

Die Betroffenen verhalten sich so, als wären sie wach. Manche sagen sogar sinnvolle Sätze. Andere gehen zum Kühlschrank und holen sich etwas zu essen oder verlassen sogar das Haus. „Das häufigste Verhalten ist das Aufsetzen im Bett oder an der Bettkante. Die Menschen stehen dabei nicht auf, obwohl sie in selteneren Fällen auch umherwandern können. Sie reagieren meist nicht auf Ansprache und folgen auch nicht unbedingt der Aufforderung, wieder ins Bett zu gehen. Es ist hilfreich, den Schlafwandler ins Bett zu führen“, lautet der Rat des Mediziners Wolf-Oliver Krohn. 

Nicht aufwecken!

Behutsam ins Bett zurückbringen – ja! Dabei sollte der Schlafwandler aber nicht aufgeweckt werden. Auch Augenkontakt sollte vermieden werden. Viele könnten nämlich verwirrt sein, aggressiv reagieren oder sich sehr erschrecken.

Da beim Nachtwandern das Bewusstsein und somit auch die Orientierung fehlt, kann es auch zu gefährlichen Situationen kommen. Damit sich Betroffene nicht verletzen, sollten in der „Schlafwandler-Wohnung“ einige Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden:

  • Fenster und Türen sollten vor dem Schlafengehen geschlossen werden
  • Stolperfallen, wie Teppiche, sollten aus dem Weg geräumt werden
  • Scharfkantige Ecken sollten gepolstert werden
  • Glasgegenstände sollten aus dem Weg geräumt werden

Schlafwandeln wird vererbt

„Schlafwandeln tritt viel häufiger bei Kindern zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr als bei Erwachsenen auf und wird oft von nächtlichem Einnässen und Albträumen begleitet. Sie wachsen meist aus der Phase des Schlafwandeln heraus, ohne dass eine spezielle Behandlung nötig wäre“, weiß Neurologe Wolf-Oliver Krohn.  

„Etwa 15 Prozent der Kinder erleben mindestens eine Schlafwandel-Episode. Bei 20 Prozent dieser Kinder liegt Schlafwandeln in der Familie“, so der Facharzt. In Familien mit mindestens einem Schlafwandler ist die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Fall um das Zehnfache höher als in Familien ohne einen Schlafwandler. Das kindliche Risiko ebenfalls Schlafwandler zu werden, wenn beide Eltern betroffen sind, liegt bei rund 60 Prozent.

Autosuggestion kann helfen

Schlafforscher versuchen über das Bewusstsein Einfluss auf das Verhalten während des Schlafens zu nehmen. Bei dieser Autosuggestion geben sie den Schlafwandlern die Aufgabe, sich immer wieder einen Satz vorzusagen – wie zum Beispiel: „Wenn ich spüre, dass meine Füße den Boden berühren, gehe ich ins Bett zurück und schlafe weiter.“

Die Schlafwandler reagieren auf den äußeren Reiz und folgen der inneren Anweisung. Laut dem Forschungsteam funktioniert das wunderbar – vorausgesetzt die Patienten üben die Autosuggestion fleißig.

So kannst du Schlafwandeln verhindern

Mit schon wenigen Maßnahmen kannst du das Risiko für nächtliches Umherwandern selbst reduzieren. Und zwar damit:

  • Schlafe grundsätzlich genügend
  • Praktiziere vor dem Schlafengehen eine Entspannungstechnik wie zum Beispiel Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung
  • Minimiere vor dem Zubettgehen die Reize – verbanne zum Beispiel elektronische Geräte, die blauwelliges Licht aussenden (Handy, Computer etc.) aus dem Schlafzimmer
  • Reduziere Stress
  • Schaffe dir eine angenehme Schlafumgebung (Temperatur, Schlafkleidung, Decke, Kopfkissen … etc.)

Die Mondsüchtigen?

Umgangssprachlich wird Schlafwandeln oft als Mondsüchtigkeit bezeichnet. Woher kommt dieser Begriff?

Schlafwandler bewegen sich oft in die Richtung einer Lichtquelle. Da früher lange Zeit nachts nur der Mond die einzige Lichtquelle war, glaubte man, dass sich die Schlafwandler dem Mond zuwenden – vor allem dem Vollmond. So entstand auch das Bild des Schlafwandlers, der mit ausgestreckten Armen auf dem Dach dem Mond entgegenbalanciert.

Weitere Schlafstörungen

Es gibt weitere Varianten von Schlafstörungen, die aber ähnliche Ursachen haben. Das bekannteste ist das Zähneknirschen. Manche Leute schlagen auch um sich oder schrecken nachts auf und schreien. Das sind ebenfalls Schlafstörungen an der Grenze zwischen Schlafen und Wachsein, die Schlafforscher als Parasomnien bezeichnen.

Der Neurologe Dr. Wolf-Oliver Krohn engagiert sich als Patientenberater für die Deutsche Hirnstiftung (www.hirnstiftung.org) – das ist eine gemeinnützige Organisation, die über neurologische Erkrankungen aufklärt und Patienten bei medizinischen Fragestellungen weiterhilft.

Quelle:

Barmer (https://www.barmer.de/presse/infothek/newsletter-gesundheit-im-blick/presse-newsletter-archiv/newsletter-archiv-2020/schlafwandel–gefaehrliches-umherirren-im-tiefschlaf-233400)

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