Schlaflexikon

Parasomnie

Parasomnie

Futterst du manchmal nachts den Kühlschrank leer oder ohrfeigst deinen Liebling neben dir im Bett – und weißt davon am nächsten Tag nichts mehr? Dann könnte eine Parasomnie schuld daran sein. Das ist eine Schlafstörung, die dich unerwünschte Dinge tun lässt.

Manchmal lässt uns die Parasomnie Dinge tun, die uns ganz schön unangenehm sind.
Manchmal lässt uns die Parasomnie Dinge tun, die uns ganz schön unangenehm sind. Bild: Pexels

Mitunter begehen Menschen sogar Verbrechen, während sie schlafen. Selbst mit dem Resultat ihres Handelns konfrontiert, können sie sich an nichts erinnern. Die meisten Fälle von Parasomnie fallen allerdings deutlich harmloser aus. Schwache Ausprägungen werden unter Umständen gar nicht bemerkt. Andere wiederum münden zwar nicht in einer Gewalttat, müssen aber dennoch unbedingt behandelt werden.

Parasomnie – Definition

„Als Parasomnien werden komplexe Verhaltensauffälligkeiten, Bewegungen, Emotionen, Wahrnehmungen oder auch Aktivierungen des vegetativen Nervensystems bezeichnet, die im Schlaf-Wach-Übergang oder während des Schlafes auftreten.“ So definiert die Deutsche Hirnstiftung diese Art von Schlafstörung. Bei einer Parasomnie führen wir also im Schlaf oder Halbschlaf Handlungen aus, die wir weder planen noch wollen und an die wir uns nach dem Aufwachen auch nicht mehr erinnern.

Welche Parasomnien gibt es?

Parasomnien treten im Schlaf und im Schlaf-Wach-Übergang auf. Man unterscheidet zwischen Störungen während des Traumschlafs (REM-Schlaf-Parasomnie) oder während der anderen Schlafphasen (NREM-Schlaf-Parasomnie). REM steht für Rapid Eye Movement, schnelle Augenbewegungen wie sie für den Traumschlaf typisch sind. NREM bedeutet Non-REM und bezieht sich auf Leichtschlaf und Tiefschlaf.

Die häufigsten Parasomnien

Insgesamt betrachtet treten Parasomnien eher selten auf. Während bis zu 20 Prozent der Kinder in ihrer Entwicklung eine oder mehrere NREM-Parasomnien erfahren, bewegt sich der Anteil der Betroffenen bei den Erwachsenen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Leidet jemand jedoch an einer Parasomnie, handelt es sich überwiegend um folgende:

Albträume

Das kennen wir vermutlich alle: Hin und wieder träumt man einfach schlecht. Wenn du allerdings häufig Albträume hast und dich deshalb vor jedem Zubettgehen fürchtest, liegt eine Schlafstörung vor. Dagegen lässt sich jedoch einiges unternehmen, wie du hier im Schlaflexikon unter Albträume nachlesen kannst.

Schlafwandeln

„Beim Schlafwandeln handelt es sich um eine inkomplette Weckreaktion aus dem Tiefschlaf, weshalb es auch als Aufwachstörung bezeichnet wird“, erklärt Diplom-Psychologe und Somnologe Hans-Günter Weeß. Das geschieht überwiegend eine bis anderthalb Stunden nach dem Einschlafen, am Ende der ersten Tiefschlafphase. Schlafwandeln tritt vor allem während der Kindheit auf und verschwindet in den meisten Fällen mit der Pubertät wieder. Nur rund ein Prozent der Erwachsenen leidet darunter. Die Ursachen für diese Parasomnie sind nicht restlos geklärt, wohl aber sind einige Risikofaktoren bekannt wie beispielsweise Schlafmangel, Stress, Alkoholkonsum und Fieber.

Pavor nocturnus (Nachtschreck)

Wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt heißt Pavor nocturnus „Nachtangst“. Die gängige Bezeichnung „Nachtschreck“ trifft es aber wesentlich besser, denn bei einem Pavor nocturnus schreckst du mitten in der Nacht ohne ersichtlichen Grund aus dem Schlaf auf. „Beim Pavor nocturnus handelt es sich wie beim Schlafwandeln um eine Aufwachstörung aus der ersten Tiefschlafphase, die üblicherweise nach sechzig bis neunzig Minuten auftritt“, so Hans-Günter Weeß. „Und im Gegensatz zum Schlafwandler verlässt der Schläfer weder das Bett noch nimmt er andere zielgerichtete Handlungen vor. Er schläft und schreit.“

Dies genügt natürlich, um die anderen Haushaltsmitglieder zu verschrecken. Für den nächtlichen Schreihals selbst sind die Anfälle jedoch unschädlich. Auch bei dieser Parasomnie sind Kinder wesentlich stärker betroffen als Erwachsene. Mehr dazu liest du unter

REM-Schlaf-Verhaltensstörung

Deutlich weniger harmlos ist hingegen diese nächtliche Verhaltensstörung. Wie der Name sagt, tritt sie in der REM-Phase auf. Gesunde Menschen liegen währenddessen still da, weil ihre Bewegungsmuskulatur lahmgelegt ist. Sonst würden sie alle Handlungen in ihren Träumen in Wirklichkeit ausführen und dadurch eventuell sich oder den Bettpartner verletzen.

Patienten mit einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung (mehrheitlich Männern über 60 Jahre) fehlt diese Sicherung. Sie führen ihre Träume aus. Das heißt, sie schlagen zum Beispiel wirklich um sich, wenn sie von einem Faustkampf träumen. „Durch die Aufhebung des schützenden Mechanismus, der uns vor Bewegungen im Schlaf bewahrt, sind Selbst- oder Fremdverletzungen oft die logische Folge“, warnt Hans-Günter Weeß.

Schlafparalyse (Schlaflähmung)

Bei einer Schlafparalyse passiert genau das Gegenteil: Die Betroffenen sind bewegungslos wie im Traumschlaf. Das Problem ist nur, sie träumen nicht mehr, sondern sind wach. Viele, die das Phänomen erstmals erleben, entwickeln Panik. Denn sie können in dieser Situation weder sprechen noch sich bewegen. Eine Schlaflähmung erlebt man zwischen Wachen und Schlafen, und zwar überwiegend beim Aufwachen. Der Körper verharrt noch in der unbeweglichen Traumphase, während der Verstand schon arbeitet. Das kann sehr beängstigend wirken, ist bei ansonsten gesunden Menschen aber unbedenklich.

Weitere Parasomnien

Ebenfalls häufig kommen diese Parasomnien vor: Zähneknirschen (Bruxismus), Einschlafzuckungen und Sprechen im Schlaf (Somniloquie).

Diagnose und Behandlung von Parasomnien

Am Anfang jeder Diagnose steht eine Anamnese. Dabei erfragt der behandelnde Arzt die Vorgeschichte zu den Beschwerden. Je nach Art der Parasomnie werden Fachärzte hinzugezogen. Mit körperlichen, insbesondere neurologischen Untersuchungen werden die Diagnosen erstellt und weitere Krankheiten ausgeschlossen oder bestätigt.    

Manche Parasomnien lassen sich mit einer Verhaltensänderung in den Griff bekommen: zum Beispiel Verzicht auf Alkohol und Vermeidung von Stress bei Schlaf-Wach-Störungen oder Absperren von Türen und Abpolsterungen beim Schlafwandeln. In schwereren Fällen ist eine medikamentöse Behandlung nötig, wie beispielsweise mit dem krampflösenden Wirkstoff Clonazepam oder dem Schlafhormon Melatonin (bei REM-Schlaf-Verhaltensstörungen).

Diplom-Psychologe Dr. Hans-Günter Weeß ist als Somnologe im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), leitet die Akademie für Schlafmedizin (AfS) sowie das Interdisziplinäre Schlafzentrum des Pfalzklinikums, doziert an der Hochschule und ist Autor zahlreicher Fachbücher, u. a. von „Schlaf wirkt Wunder“.

Quellen:

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