Schlaflexikon

Nykturie

Nykturie

Nächtliches Wasserlassen ist nicht nur ein männliches Problem. Auch circa jede zweite Frau ab dem 50. Lebensjahr ist von Nykturie betroffen, wie uns Dr. med. Christian Matthai berichtet. Was nächtlichen Harndrang auslöst und was dagegen hilft, erfährst du in unserem Artikel.

Nykturie: Nächtliches Wasserlassen ist auch für Frauen ein Problem.
Nykturie oder nächtliches Wasserlassen ist kein männliches Problem. Bild: iStock

Urologen sprechen von einem Volksleiden: Nächtlicher Harndrang – auch Nykturie genannt – ist mehr als nur lästig. Für Betroffene kann nächtliches Wasserlassen zu einem schweren Leidensdruck führen. Die Scham ist oftmals so groß, dass viele Leidende es ihrem Arzt verschweigen.

Auch Frauen sind häufig von Nykturie betroffen. „Da viele Betroffene ihre Beschwerden nicht äußern, ist die Dunkelziffer wohl groß“, sagt Dr. med. Christian Matthai, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Man kann aber davon ausgehen, dass etwa jede 2. Frau in der Postmenopause davon betroffen ist“.

Was ist Nykturie?

Als Nykturie bezeichnet man nächtlichen Harndrang. Die Bezeichnung wird dann verwendet, wenn Betroffene mindestens zweimal in der Nacht auf Toilette müssen. Solche Unterbrechungen können einen erholsamen Schlaf empfindlich stören und zu Schlafstörungen und zur Beeinträchtigung der Lebensqualität führen.

Wichtig: Eine Nykturie ist keine Erkrankung, sondern das Symptom einer Erkrankung. Dabei tritt Nächtliches Wasserlassen vor allem bei Senioren und älteren Menschen auf und wird häufig für eine Begleiterscheinung des Alters gehalten. Dies stimmt aber nur bedingt. Da Nykturie häufig das Symptom einer Erkrankung ist, wird Betroffenen empfohlen, bei ersten Anzeichen einen Arzt aufzusuchen.

Welche Ursachen hat Nykturie?

Nächtliches Wasserlassen kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Zunächst gilt es aber erst einmal, das eigene Trinkverhalten zu überprüfen. „Wer spät abends harntreibende Getränke wie Kaffee und Tee trinkt oder noch größere Flüssigkeitsmengen zu sich nimmt, darf sich über den Harndrang in der Nacht nicht wundern“, meint Dr. Matthai.

Weist das eigene Trinkverhalten keine unüblichen Mengen auf, ist ein Besuch beim Arzt ratsam. Vielleicht liegt eine der folgenden Erkrankungen vor. Zwar treten viele Ursachen für Nykturie bei beiden Geschlechtern gleichermaßen auf, trotzdem sollte man zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Gründe für nächtlichen Harndrang können sein:

  • Herzschwäche
    Bei einer Herzschwäche kann das Herz nur noch eingeschränkt pumpen, was zur Folge hat, dass der Körper tagsüber Wasser in den Beinen anlagert. Nachts wird die Flüssigkeit im Liegen wieder ausgeschwemmt, wodurch es zu nächtlichem Harndrang kommt.
  • Diabetes
    Diabetiker haben häufig stärkeren Durst als gesunde Menschen und trinken deshalb mehr. Dadurch kommt es zu vermehrtem nächtlichen Wasserlassen.
  • Eine eingeschränkte Nierenfunktion
    Nieren besitzen winzige Blutfilter, die dafür sorgen, dass unser Blut gereinigt wird. Sind diese Blutfilter geschädigt, reichert sich häufig Albumin im Urin an. Da dieses Protein Wasser bindet, kommt es auch hier nachts zu häufigeren Toilettengängen.
  • Schlafapnoe
    Eine Schlafapnoe erschwert unserem Körper die Ausschüttung des Antidiuretischen Hormons (ADH), welches dafür sorgt, dass wir nachts ohne nächtliches Wasserlassen durchschlafen können. Dadurch kommt es vermehrt zu Harndrang. Behandelt man die Schlafapnoe, verschwindet meist auch die Nykturie.
  • Infekte der unteren Harnwege
    Bei Harnwegsinfektionen kann es auch zu vermehrtem Harndrang kommen. Betroffene leiden dann meist ebenfalls unter starkem Brennen beim Wasserlassen.
  • Reduzierte Blasenkapazität
    Auch wenn eine reduzierte Blasenkapazität selten für nächtliches Wasserlassen verantwortlich ist, darf man sie nicht komplett ausschließen. Das Fassungsvermögen der Blasen kann sich beispielsweise durch Blasensteine verringern.
  • Mangel an Antidiuretischem Hormon
    Das Antidiuretischen Hormon bremst nachts die Urinbildung. Schüttet der Körper nicht genug ADH aus, wird während der Nacht zu viel Urin produziert und dadurch kommt es zu vermehrtem Harndrang. Ein ADH-Mangel kann besonders dann auftreten, wenn der zirkadiane Rhythmus gestört wird, beispielsweise durch Schichtarbeit.
  • Medikamente
    Bestimmte Medikamente – wie etwa gegen Bluthochdruck – haben eine entwässernde Wirkung und können deshalb Nykturie auslösen. Auch bestimmte Antidepressiva und Antibiotika können verstärkten Harndrang auslösen.

Bei Männern

  • Gutartige Prostatavergrößerung
    Ein Problem, welches hauptsächlich ältere Männer betrifft. 70 von 100 Männern über 70 leiden unter einer vergrößerten Prostata. Sie verengt die Harnröhre, wodurch die Harnblase beim Wasserlassen nicht vollständig entleert werden kann. Durch das Zurückbleiben von Urin in der Blase, ist diese nach kurzer Zeit wieder gefüllt. Auch ist der Harnstrahl schwächer und das Wasserlassen dauert länger.
  • Prostatakrebs
    Das Gleiche, was bei einer gutartigen Prostatavergrößerung zutrifft, kann auch bei Prostatakrebs auftreten.

Bei Frauen

  • Veränderungen durch den hormonellen Wechsel in der Postmenopause
    Der sinkende Östrogenspiegel führt zu einem Rückgang der Elastizität der Schleimhäute der Blase und Harnwege und sorgt dadurch zu vermehrtem Harndrang. Auch kann eine Senkung der Gebärmutter durch mangelnde Elastizität Grund für nächtliches Wasserlassen sein.
  • Eine überaktive Blase
    Ein Phänomen, welches hauptsächlich bei Frauen auftritt. Hierbei handelt es sich um eine Erkrankung, die sowohl tagsüber als auch nachts auftritt. Grund dafür können Erkrankungen oder operative Eingriffe am kleinen Becken sein.
  • Eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur
    Ältere Frauen leiden ebenfalls häufig unter einem Rückgang der Beckenbodenmuskulatur und einer damit einhergehenden Nykturie.

Was tun bei Nykturie?

Stellst du fest, dass du immer öfter unter nächtlichem Harndrang leidest, solltest du so bald wie möglich einen Arzt aufsuchen. Er kann dir sagen, was du gegen nächtliches Wasserlassen tun kannst. Dein Arzt wird dann gegebenenfalls einen Spezialisten (Kardiologen, Urologen, Neurologen) hinzuziehen.

Grundsätzlich werden zunächst deine normalen körperlichen Funktionen getestet, wie etwa das Abhören des Brustkorbs, ein Urin-Schnelltest und eine Blutuntersuchung. Weitere Untersuchungen können ein EKG, ein Ultraschall und eine Abtastung der Prostata sein. Häufig wird darum gebeten, dass der Betroffene ein Trinktagebuch führt.

Wie behandelt man nächtliches Wasserlassen?

Nächtliches Wasserlassen kann in einigen Fällen behandelt werden.

  1. Bei Herzschwäche
    Betroffene erhalten in den meisten Fällen die nötigen Medikamente. Bei besonders schweren Fällen kann auch ein Herzschrittmacher oder ein Spenderherz für ein Ende der Herzschwäche und die damit einhergehende Nykturie sorgen. Daneben sollte auf eine gesunde Ernährung und regelmäßigen Sport geachtet werden.
  2. Bei Diabetes
    Wird der krankhaft erhöhte Blutzuckerspiegel durch Medikamente gesenkt, verschwindet dadurch meist auch das nächtliche Wasserlassen. Zusätzlich ist, wie schon bei der Herzschwäche, ein gesunder Lebensstil ratsam.
  3. Bei einer Infektion der Harnwege
    Hier wird meist ein Antibiotikum verschrieben, um der Infektion entgegenzuwirken.
  4. Bei einer überaktiven Blase und reduzierter Blasenkapazität
    Oftmals ist ein Blasentraining hilfreich. Dabei lernen die Betroffenen, ihren Harndrang zu unterdrücken und den Gang zur Toilette hinauszuzögern. Dadurch gewöhnt sich die Blase wieder an eine größere Füllmenge und der Harndrang setzt später ein. Meist bessert sich die Blasenkapazität schon nach wenigen Monaten.
  5. Bei einer vergrößerten Prostata
    Eine vergrößerte Prostata kann operativ entfernt werden. Meist reicht aber eine medikamentöse Therapie. Alphablocker entspannen die Muskulatur, was das Wasserlassen erleichtert.
  6. Bei schwacher Beckenbodenmuskulatur
    „Gerade für Frauen sind ein gesunder Beckenboden und ein gesundes Körpergewicht im Speziellen für diese Problematik essentiell“, meint Dr. Christian Matthai. Deswegen helfen gegen eine schwache Beckenbodenmuskulatur entsprechende Übungen. Ein Arzt kann hier unterstützen, denn er kann – wenn nötig – einen Physiotherapeuten hinzuziehen und einen personalisierten Behandlungsplan erstellen. Viele Übungen können leicht zu Hause ausgeführt werden. Am besten eignet sich hier eine Kombination aus Kraft- und Koordinationstraining.

Die meisten Ursachen von Nykturie lassen sich leicht behandeln. Deshalb solltest du dich nicht scheuen, bei Beschwerden zum Arzt zu gehen. Durch seine Erfahrung sind deine Beschwerden für ihn bestimmt nichts Ungewöhnliches.

Interview mit Dr. med. Christian Matthai

Der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe veröffentlichte vor Kurzem sein neues Buch „Meine Sprechstunde. Für Frauen, die mitten im Leben stehen“.

MeinSchlaf: Herr Doktor Matthai, worin liegt der Unterschied zwischen Nykturie bei Männern und bei Frauen?

Dr. Matthai: Bei Frauen in der Postmenopause, die wesentlich öfter von der Nykturie betroffen sind als junge Frauen, wird der nächtliche Harndrang meistens durch die mit dem hormonellen Wechsel einhergehenden Veränderungen verursacht. Bei den Männern ist die vergrößerte Prostata die Ursache.

MS: Gibt es Statistiken ab welchem Alter durchschnittlich Frauen anfangen unter Nykturie leiden? Und wie oft tritt nächtlicher Harndrang bei Frauen auf?

Dr. Matthai: Frauen ab dem 50. Lebensjahr leiden deutlich öfter unter nächtlichem Harndrang. Da viele Betroffene ihre Beschwerden nicht äussern, ist die Dunkelziffer wohl groß. Man kann aber davon ausgehen, dass etwa jede 2. Frau in der Postmenopause davon betroffen ist.

MS: Gibt es „Warnsignale“ vom Körper, die sich schon vor der Erkrankung äußern?

Dr. Matthai: Der nächtliche Harndrang ist keine Erkrankung. Dennoch kann er sehr belastend sein, da er in den meisten Fällen zu Schlafstörungen führt und diese wiederum das Risiko für diverse Krankheiten erhöhen. Sobald die Betroffene darunter leidet, sollte etwas unternommen werden.

MS: Kann man Nykturie bei Frauen heilen? Was kann man dagegen tun?

Dr. Matthai: Die erste Maßnahme, die betroffene Frauen ergreifen sollten, ist ein gutes Trinkverhalten zu praktizieren. Wer spät abends harntreibende Getränke wie Kaffee und Tee trinkt oder noch größere Flüssigkeitsmengen zu sich nimmt, darf sich über den Harndrang in der Nacht nicht wundern. Auch Hormon- oder andere medikamentöse Therapien können helfen.

MS: Wie kann man nächtlichem Harndrang vorbeugen?

Dr. Matthai: Gerade für Frauen sind ein gesunder Beckenboden und ein gesundes Körpergewicht im speziellen für diese Problematik essentiell.

Herr Doktor Matthai, vielen Dank für Ihre Zeit!

Kurz und knapp

Was ist Nykturie?

Nykturie oder auch nächtliches Wasserlassen ist ein verstärkter Harndrang in der Nacht. Nykturie ist keine eigene Erkrankung, sondern immer das Symptom einer Erkrankung.

Welche Ursachen hat Nykturie?

Eine Nykturie kann viele Ursachen haben, beispielsweise kann ihr eine Herzschwäche, eine Schlafapnoe, bei Männern eine Prostatavergrößerung und bei Frauen eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur zugrunde liegen.

Was tun bei Nykturie?

Stellst du fest, dass du unter nächtlichem Wasserlassen leidest, solltest du unbedingt einen Arzt aufsuchen. Er kann diverse Untersuchungen vornehmen und deinem Leiden auf den Grund gehen.

Wie behandelt man nächtliches Wasserlassen?

Das hängt von der Ursache für den nächtlichen Harndrang ab. Die Behandlungen können, je nach Art der Ursache, völlig unterschiedlich ausfallen.

Dr. med. Christian Matthai ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Ernährungs-, Sport- und Vitalstoffmediziner. In seinem neuen Buch „Meine Sprechstunde. Für Frauen die mitten im Leben stehen“ widmet er sich ganz dem Thema Frauengesundheit ab 40 und plädiert dafür, dem neuen Lebensabschnitt gelassen entgegen zu sehen.

Quellen:

Gesundheitsinformation: Gutartige Prostatavergrößerung.
MSD Manual: Harndrang.
Cochrane: Desmopressin zur Behandlung von Nykturie bei Männern mit Symptomen des unteren Harntraktes.
Informationsdienst Wissenschaft: Urologen warnen: Volksleiden Nykturie oft ein Alarmsignal.
Ärzteblatt: Nykturie Unterschätztes Symptom anderer Störungen.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel enthält unter anderem Produkt-Empfehlungen. Bei der Auswahl der Produkte sind wir frei von der Einflussnahme Dritter. Für eine Vermittlung über unsere Affiliate-Links erhalten wir bei getätigtem Kauf oder Vermittlung eine Provision vom betreffenden Dienstleister/Online-Shop, mit deren Hilfe wir weiterhin unabhängigen Journalismus anbieten können.
Autor Profilbild

Alexander Scherb

Online-Redakteur bei MeinSchlaf.de