Schlaflexikon

Hypersomnie

Hypersomnie

Eine Hypersomnie macht sich durch eine ausgeprägte Tagesschläfrigkeit bemerkbar. Doch sollte die „Schlafsucht“ nicht mit einer Narkolepsie verwechselt werden. Eine Hypersomnie hat ganz unterschiedliche Ursachen, manche stellen die Medizin vor ein Rätsel.

Mann leidet unter Hypersomnie und liegt auf der Couch.
Eine Hypersomnie macht sich durch eine ausgeprägte Tagesschläfrigkeit bemerkbar. Bild: iStock

Die Augen fallen zu, der Kopf sinkt auf die Brust. Eine Hypersomnie kann gefährlich werden. Vor allem, wenn die betroffene Person hinter dem Lenkrad sitzt oder auf irgendeine andere Weise schweres Gerät oder Fahrzeuge bedienen muss. Dabei wird das Leiden gemeinhin als „Schlafsucht“ bezeichnet, was der Erkrankung allerdings nicht gerecht wird.

Denn mit Sucht hat das Ganze wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine schwere Erkrankung mit ausgeprägter Tagesschläfrigkeit. Unter Tagesschläfrigkeit leiden, auf die ein oder andere Weise, fünf Prozent der deutschen Bevölkerung. Wir haben die Erkrankung betrachtet und die Unterschiede zu anderen Schlafkrankheiten herausgearbeitet.

Was ist eine Hypersomnie?

Mit diesem Begriff wird eine ausgeprägte Tagesschläfrigkeit mit reizvermindertem Verhalten bezeichnet. Mit anderen Worten: Betroffene haben gerade bei monotonen Tätigkeiten wie Lesen, Autofahren oder Fernsehen damit zu kämpfen, dass sie wachbleiben. Ebenso reagieren sie teilweise verspätet oder gar nicht auf äußere Reize wie Licht oder Geräusche.

Eine Hypersomnie darf nicht mit einer Narkolepsie verwechselt werden (sie kann Symptom der Narkolepsie sein). Bei der Narkolepsie handelt es sich häufig um eine Erkrankung, bei der Betroffene den Verlust der Nervenzellen im Hypothalamus zu beklagen haben. Dadurch wird der Botenstoff Hypocretin nicht mehr in genügender Menge ausgeschüttet. Außerdem treten bei einer Hypersomnie folgende Symptome nicht auf:

  • Kataplexie (Verlust des Spannungszustands der Muskulatur)
  • Hypnagoge Halluzinationen (Halluzinationen, die beim Einschlafen auftreten, beispielsweise Geräusche)
  • Schlaflähmung (auch Schlafparalyse genannt. Eine schlafbedingte Bewegungsunfähigkeit bei gleichzeitigem Wachzustand des Gehirns)

Unterschied Tagesschläfrigkeit und Tagesmüdigkeit

Tagesschläfrigkeit, hervorgerufen durch eine Hypersomnie oder auch Narkolepsie ist nicht mit Tagesmüdigkeit gleichzusetzen. Tagesmüdigkeit wird allgemein auch mit Erschöpfung Schlappheit oder Energiemangel assoziiert. So kann es bei Tagesmüdigkeit durchaus vorkommen, dass die betroffene Person trotz Müdigkeit nicht schlafen kann.

Dies ist bei der Tagesschläfrigkeit anders. Betroffene Personen fühlen sich oftmals wach und ausgeruht, bis die Tagesschläfrigkeit einsetzt. Dann können sie wiederum die Augen kaum aufhalten und schlafen trotz größter Anstrengung ein. Tagesmüdigkeit betrifft häufig Personen mit dem Chronischen Fatigue-Syndrom.

Ursachen einer Hypersomnie

Eine Hypersomnie kann von ganz unterschiedlichen Ursachen ausgelöst werden. Die Häufigste ist die schwere Schlafstörung (Insomnie). Korrekterweise muss zwischen drei Arten der Schlafsucht unterschieden werden. Der organischen, der nichtorganischen und der idiopathischen Hypersomnie. Worin unterscheiden sich diese drei Arten?

Die organische Hypersomnie

Wie der Begriff vermuten lässt, wird hier die Schlafsucht durch eine körperliche Erkrankung ausgelöst. Aus diesem Grund handelt es sich bei der organischen Hypersomnie um das Symptom einer anderen Krankheit. Erkrankungen, die sie auslösen, können unter anderem sein:

  • Tumorerkrankungen
  • HIV / AIDS
  • Borreliose
  • Niereninsuffizienz
  • Leberzirrhose
  • Herzerkrankungen
  • rheumatische Erkrankungen
  • Bluterkrankungen (Anämie)
  • Morbus Parkinson
  • Multiple Sklerose

Wie bei vielen schweren Erkrankungen ist der Therapie-Weg in erster Linie, die Krankheit zu behandeln und dann die Symptome. Häufig tritt hier eine Besserung ein, wenn die Ursache erfolgreich behandelt wurde, wobei es bei Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Multiple Sklerose bisher keine Heilungsmöglichkeiten gibt.

Die nicht organische Hypersomnie

Eine nicht organische Hypersomnie wird durch Wirkungen von außen ausgelöst, beispielsweise durch Alkohol. Andere Auslöser können sein:

Sonderfall: psychische Hypersomnie

Streng genommen handelt es sich bei einer Hypersomnie durch psychische Erkrankungen um eine nicht organische Hypersomnie. Sie soll hier aber separat behandelt werden. Bekannte Erkrankungen, bei denen eine Schlafsucht auftritt, sind unter anderem:

  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Schizophrenie
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Die Hypersomnie ist ein bekanntes und sehr häufiges Symptom bei vielen psychischen Erkrankungen.

Die idiopathische Hypersomnie

Hierbei handelt es sich um eine Hypersomnie, die ohne erkennbare Ursache auftritt. Die Medizin weiß noch nicht viel über diese Form der Schlafsucht. Eine Ursache könnte eine Funktionsstörung des zentralen Nervensystems sein, wodurch sie zu einer nicht organischen Hypersomnie werden würde. Häufig fordern Ärzte und Ärztinnen ein Schlafprotokoll und Schlaf-Tests an.

Problematisch ist, dass eine idiopathische Hypersomnie sowohl bei ausreichend Schlaf (bis acht Stunden) beim Überschlafen (mehr als zehn Stunden) und bei zu wenig Schlaf (unter sechs Stunden) auftritt. Eine Behandlung ähnelt der einer Narkolepsie. Dabei wird auf Medikamente verzichtet, welche die Muskelspannung aufrecht erhalten.

Was sind die Symptome einer idiopathischen Hypersomnie?

Natürlicherweise ist das Hauptsymptom die exzessive Tagesschläfrigkeit. Zudem schlafen Betroffene häufig besonders lange – meist über zehn Stunden pro Nacht. Dabei tritt sie fast immer zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr auf und bleibt dann für den Rest des Lebens bestehen.

Tritt sie besonders früh im Leben auf, darf sie nicht mit dem Kleine-Levin-Syndrom verwechselt werden, bei der Betroffene zum Teil Monate schlafen und in den Wachphasen kaum ansprechbar und schlaftrunken sind. Wenn du mehr über diese Erkrankung wissen willst, lies unseren Artikel über das Kleine-Levin-Syndrom.

Weitere Symptome können sein:

  • Schlaftrunkenheit mit Verwirrung beim Aufwachen
  • Orientierungslosigkeit
  • Gedächtnisprobleme (Schwierigkeiten beim Merken von Ereignissen)
  • Antriebslosigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten

Auswirkungen von anderen Schlaf-Krankheiten

Eine Hypersomnie tritt ebenfalls häufig als Symptom einer anderen Schlaf-Erkrankung auf. Generell natürlich bei allen Erkrankungen, bei denen die betroffene Person nachts schlecht oder gar nicht schläft. Auf einige dieser Krankheiten wird hier kurz eingegangen. Mehr zu den einzelnen Krankheiten findest du im jeweiligen Artikel.

Eine Insomnie als Auslöser

Der häufigste Auslöser für eine Schlafsucht ist die schwere Schlafstörung, auch Insomnie genannt. Betroffene können in der Nacht nicht schlafen und leiden dann tagsüber unter starker Tagesschläfrigkeit. Hier gilt es in erster Linie, die Insomnie zu behandeln. Rund zehn Prozent aller Arbeitnehmer (rund 4,5 Millionen Menschen) sind von wiederkehrenden, schweren Schlafstörungen betroffen. Unser Artikel über die Insomnie geht dem Leiden auf den Grund.

Eine Schlafapnoe als Auslöser

Auch eine Schlafapnoe kann für eine Hypersomnie verantwortlich sein. Bei einer Schlafapnoe bekommt die betroffene Person oberflächlich gesehen genügend Schlaf. Durch das starke Schnarchen mit Atemaussetzern bis zu einer Minute, fehlt es den Betroffenen aber am erholsamen Tiefschlaf, wodurch eine exzessive Hypersomnie ausgelöst werden kann.

Das Restless Legs Syndrom als Auslöser

Beim Restless Legs Syndrom schlafen Betroffene schlecht, weil sie in ihren Beinen einen unbändigen Bewegungsdrang verspüren. Auch brennende und kribbelnde Beine sind ein häufiges Symptom. Dadurch kommt es zu vermindertem Schlaf in der Nacht, was dann zu Tagesschläfrigkeit führt. Mehr über das Restless Legs Syndrom erfährst du in unserem Artikel.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Eine Therapie ähnelt der Behandlung einer Narkolepsie, mit der Ausnahme, dass auf antikataplektische Medikamente verzichtet wird. Es werden also keine Mittel verabreicht, die das Erschlaffen der Muskelspannung verhindern, da dieses Problem bei einer Hypersomnie nicht auftritt. Bekannte Arzneistoffe für eine Behandlung sind beispielsweise Solriamfetol und Pitolisant.

Zudem haben Untersuchungen mit Natriumoxybat eine hohe Wirksamkeit gezeigt. Der Wirkstoff ist in K.O.-Tropfen enthalten. Bei richtiger Dosierung kann das Mittel den nächtlichen Schlaf verbessern. Auch die Stoffe Methylphenidat und Amphetamin zeigen teilweise Wirkung. Allerdings sind die Nebenwirkungen der beiden Substanzen hoch. Da sie ebenfalls in beliebten Partydrogen enthalten sind, ist zudem das Missbrauchsrisiko hoch.

Was kann ich bei einer Hypersomnie tun?

Neben einer medikamentösen Therapie sind häufig auch verschiedene Lebens- und Wohnumstellungen sehr erfolgsversprechend. Dazu gehören:

  1. Eine Verbesserung der Schlafhygiene. Dazu gehört beispielsweise eine regelmäßige Zubettgehzeit, der Verzicht von elektronischen Geräten im Schlafzimmer und der Verzicht von schwerem Essen vor dem Schlafengehen.
  2. Das Nutzen von verschiedenen Entspannungsübungen. Das können Yoga-Übungen, Meditationsübungen oder Atemübungen sein. Sie verbessern die allgemeine Schlafqualität und können damit ebenfalls einer Schlafsucht vorbeugen oder sie lindern. Auch Sport kann die Schlafqualität verbessern, allerdings darf die körperliche Betätigung nicht zu nahe an der Schlafenszeit liegen.
  3. Eine Verbesserung der Schlafumgebung. Dazu gehört beispielsweise die richtige Schlaftemperatur, passende Lichtverhältnisse und eine ruhige Schlafumgebung. Auch die richtige Bettdecke und das richtige Kopfkissen können den Schlaf verbessern.
  4. Vermeidung oder zumindest Verminderung von Stress oder anderen psychosozialen Problemen. Zum Stressabbau kann ein Schlaftagebuch helfen. Generell solltest du dir bei psychischen Probleme aber auf jeden Fall ärztliche Hilfe suchen.

Bei Anzeichen einer Hypersomnie solltest du umgehend einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Eine Fachperson kann dir zur Seite stehen und dich nicht nur mit Medikamenten unterstützen. Beispielsweise kann eine Überweisung zu einem Schlaflabor ein notwendiger Schritt sein, um der Ursache der Schlafsucht auf den Grund zu gehen.

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Quellen:

PDF: Landesärztekammer Hessen: Hypersomnie und Insomnie.
MSD Manual: Idiopathische Hypersomnie.
Ärzteblatt: FDA-Zulassung: Partydroge wirkt auch bei idiopathischer Hypersomnie.
Neurologen und Psychiater im Netz: Ursachen von Schlafstörungen.

Autor Profilbild

Alexander Scherb

Senior Online-Redakteur bei MeinSchlaf.de